Der Fliegenfänger – Willy Russell



  • Taschenbuch:528 Seiten
  • Verlag:Heyne Verlag (1. Dezember 2002)
  • Sprache:Deutsch
  • ISBN-10:345386428X
  • ISBN-13: 978-3453864283

 

Vom Helden zum abgestempelten Perversling, in nur einem Tag.

Ein Loser ist man nicht, zum Loser wird man gemacht!

Raymund ist nicht anders als andere Jungs in seinem Alter. Er ist 11, als er am Kanal das harmlose Spiel „Fliegenfangen“ erfindet. Das hat keinesfalls mit dem Angeln kleiner Fische zu tun. Die fünfzehn Jungs, die es in den Schulpausen an den verbotenen Kanal verschlägt, fangen die Fliegen auf eine etwas skurrile – dennoch harmlose Art und Weise.  Einer der Jungen wird von einer Wespe in seine Männlichkeit gestochen und fällt in den Kanal. Raymund rettet seinen Freund und fischt ihn aus dem Kanal und wird trotz des Verbotes als Held gefeiert. Aber nur bis der Direktor davon erfährt und aus diesem harmlosen Spiel eine riesen Perversion macht.

    

Raymund fliegt von der Schule und eine Odyssee, die sein weiteres Leben wesentlich bestimmen wird, nimmt seinen Lauf. Als er scheinbar nicht mal mehr von seiner Mutter geliebt wird kommt ihm eine Idee. Er vermutet, dass er „Der falsche Junge“ ist, der richtige ist seit der Rettung seines Freundes immer noch im Kanal und er, er ist der böse Junge. Er wird bei seinem Sprung in den Kanal beobachtet und von 2 Polizisten gerettet. Doch man unterstellt ihm einen Selbstmordversuch und nur die Psychologin glaubt ihm. Diese kann auch Raymunds Mutter überzeugen und die beiden finden wieder zusammen und verbringen einen wunderschönen Tag und alles scheint wieder normal zu sein. Bis sie nach Hause kommen und die Polizei schon wartet, denn am Kanal ist noch etwas ganz anderes passiert.

Der 19jährige Ich-Erzähler Raymund, erzählt in diesem Roman seine Lebensgeschichte in Form von längeren Briefen an sein Idol Morrissey. Er ist auf dem Weg nach Grimsby und soll dort auf dem Bau arbeiten. Wir erfahren aus kurzen Passagen wie sich das Leben mit elf plötzlich änderte und warum er so verbittert ist. Selbst in den traurigsten Passagen bringt uns der Autor zum Schmunzeln. Und mir drängt sich der Eindruck auf, das der Autor Willy Russel hier mit der Mentalität des Lynch-Mobs abrechnet. Eine Zivilisation, die voller Hass auf alles reagiert was nicht der Norm entspricht. Dieser Mob nämlich hat Raymund zu dem gemacht was er ist, ein Außenseiter der keinen Platz in diesem angepassten Leben mehr findet. Ohne zu hinterfragen, warum manche Dinge so verkehrt laufen. Warum er zum Beispiel in der Kunsttherapie nur mit schwarzer Farbe malt.

Ich habe bei mir gemerkt, dass ich schon nach dem zweiten Schicksalsschlag nichts mehr auf das gab, was erzählt wurde und Raymund nicht mehr in die Schublade des schwer Erziehbaren steckte. Vielmehr dachte ich, was läuft den nun schon wieder verkehrt und so traurig es auch jedes Mal ist, muss man einfach dasitzen und fast anfangen laut zu lachen. Und dann denkt man „das kann doch nicht sein“, doch genauso ist es. Der Mensch packt eben gerne andere in Schubladen und gibt Schuldzuweisungen.

Der Schreibstil ist wunderbar melancholisch und voller Ironie, dabei aber nie oberflächlich. Mit jedem Brief an Morrissey denkt man, wie kann einem einzigen Menschen so viel Missgunst, Leid und Pech widerfahren. Unweigerlich darauf folgt die Frage, wie geht ein Junge damit um, schon mit 11 Jahren keine Freunde mehr zu haben, eine Mutter von der man gehasst wird und ein Schicksalsschlag den Nächsten jagt?
Lest das Buch, dann werdet ihr es erfahren. Mich hat dieses über 500 Seiten starke Buch gefangen genommen und sehr gefesselt – verrückt – herzzerreißend – außergewöhnlich.
Eine Unabhängigkeitserklärung!

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3 Kommentare zu “Der Fliegenfänger – Willy Russell

  1. Pingback: Buchmonat Mai 2011 « Literatur und mehr

  2. Na holla Karin,

    das Buch ist auch für mich gebongt. Tolle Beschreibung, welche mich richtig neugierig macht.

    Viele Grüße,
    Jogi

    • Hallo Jogi,

      das ist ein wundervolles Buch.
      Und ich bin so froh es endlich gelesen zu haben, ich würde es am liebsten gleich nochmal lesen.

      LG
      Karin

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