Nichts. Was im Leben wichtig ist. von Janne Teller


  • Broschiert: 139 Seiten
  • Verlag: Hanser; Auflage: 6 (26. Juli 2010)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3446235965
  • ISBN-13: 978-3446235960
  • Vom Hersteller empfohlenes Alter: 14 – 15 Jahre
  •  

    Der Berg aus Bedeutung

    Diese Geschichte beginnt banal.
    Es ist August, der erste Schultag nach den Sommerferien. Eine scheinbar ganz normale siebte Klasse. Es ist der Tag an dem Pierre Anton, ein Mitschüler der 7A verkündet: „Nichts bedeutet irgendetwas, deshalb lohnt es sich nicht, irgendetwas zu tun“ und den Klassenraum verlässt ohne sich noch ein einziges Mal umzudrehen.
    Fortan provoziert er seine Mitschüler mit seinen Worten.

    „Die Erde ist Milliarden Jahre alt. Wir werden gerade mal hundert.“ oder „Das leben ist nicht weiter als ein Spiel, das nur darauf hinausläuft, so zu tun als ob.“

    Er sitzt auf einem Pflaumenbaum und bewirft seine ehemaligen Mitschüler mit reifem Obst und mit Zynismus.

    „In demselben Moment, in dem ihr geboren werdet, fangt ihr an zu sterben. Und so ist das mit allem.“

    Nun ist es an seinen Mitschülern Pierre Anton vom Gegenteil zu überzeugen. Sie versuchen mit einem Projekt zu beweisen, dass das Leben durchaus einen Sinn haben kann und dass es Dinge von Bedeutung gibt. Sie beschließen in einem stillgelegten Sägewerk „Dinge“ zu sammeln, die ihnen wichtig sind.
    Eine Sammelplatz, bei dem jeder etwas hergeben muss, das ihm wirklich wertvoll ist. Wer sein Opfer gebracht hat, darf vom nächsten etwas anfordern.
    Zunächst beginnt alles harmlos: Elises alte Lieblings Puppe, Agnes neue Sandalen, ein Teleskop, doch dann schleicht sich Missgunst ein als Gerda ihren Hamster hergeben muss. Die Forderungen werden immer Bedeutungsvoller.
    Je größer das Opfer, desto größer ist seine Bedeutung, so die Theorie. Die Klasse wird spürbar fanatisch. Einerseits haben sie Angst, dass Pierre Anton recht haben könnte und andererseits wollen sie vom nächsten ein größeres Opfer als das, was sie hergeben mussten.
    Der Berg aus Bedeutung entwickelt sich langsam als ein Berg aus Gewalt, Hass und Missgunst.
    Es ist die Parabel einer tragischen Eskalation und dem Verlust der Grenzen, die am Schluss vor allem offene Fragen aufwirft.
    „Worauf kommt es an im Leben? Wo liegen die Grenzlinien der Duldsamkeit?“

    „Erwachsene scheuen diese Diskussionen mehr als die Jugendlichen. Die Fragen nach Sinn und Bedeutung gehörten gerade in die Schule. Die Schüler werden allein gelassen. Nicht aus böser Absicht der Lehrer, aber vielleicht, weil wir selbst nicht wissen, wie wir diesen Fragen begegnen sollen“, so die Autorin. „So glauben wir, Kindern Sinn zu vermitteln, indem wir sagen: ‚Das und das bedeutet etwas.‘ Anstatt Fragen zuzulassen, auf die wir nun mal keine Antwort haben – was das Leben für mich gerade interessant macht.“

    Janne Tellers Parabel hat eine erstaunliche Karriere hinter sich. Als ihr Buch im Jahr 2000 in Dänemark erschien, liefen Lehrer Sturm, weil sie Angst hatten, es vermittle Jugendlichen Sinnlosigkeit. Pastoren argumentierten, Schüler sollten in Sachen Bedeutung doch bitte die Kirche konsultieren. Doch mittlerweile ist „Nichts“ zum Klassiker geworden, wird in Abiturprüfungen und sogar im Konfirmandenunterricht behandelt.

    Mein Fazit fällt positiv aus.
    Teller hat sich auf das Wesentliche konzentriert. Die Sprache ist klar und schnörkellos. Kurz und bündig zeigt die Autorin wie schnell sich durch Naivität und Gruppenzwang eine unaufhaltbare Eigendynamik entwickeln kann.
    Sie scheut sich nicht Ästhetik von Gewalt und Ekel zur Sprache zu bringen, denn auch junge Leser können mit starken Eindrücken umgehen.
    Und wir sollten erkennen, dass man Kinder in diesem Alter nicht ganz allein lassen darf, dass man mit ihnen auch über Werte sprechen muss. Und das sind nicht die Werte, die in der heutigen Zeit eigentlich vorrangig für wichtig gehalten werden, wie zum Beispiel materielle Werte. Ich meine die Autorin hat mit diesem Buch deutlich gemacht, das die Sinnfindung nicht im Materiellen steckt.
    Der Mensch ist des Menschen Wolf

    Advertisements

    8 Kommentare zu “Nichts. Was im Leben wichtig ist. von Janne Teller

    1. Besonders in der Pubertät sind Jugendlichen sich oft selbst überlassen. Dabei ist es sehr wichtig als Elternteil ihnen bei der Sinnfindung unterstützend zur Seite zu stehen und ihnen auf ihrem Lebensweg zu helfen.

    2. Pingback: Buchindex « Literatur und mehr

    3. Pingback: Top 30 des Jahres 2010 « Literatur und mehr

    4. Das Büchlein ist zwar dünn, doch ich befürchte, man kann es nicht wie einen Hamburger, einfach verschlingen. Ich schwanke noch, ob ich es lesen möchte oder eher nicht…*grübel*. Scheint doch harte Tobak zu sein. Ich hab hier doch so einen Materialisten sitzen. Einen kleinen Markenfuzzi sozusagen…

    5. Was für eine tolle Rezension. Hätte ich nicht gestern beschlossen, bis Ende Jahr eine Fastenkur einzulegen, damit schon vorhandene Perlen endlich zum Zuge kommen, könnte ich tatsächlich in Versuchung kommen…. 🙂

      • …kostet ja nicht wirklich viel.
        Und ich war ja auch mehr als neidisch, ich sag nur Rubinrotes Herz 🙂
        Das Schöne, oder Schlimme ist – das uns der Stoff nicht ausgeht.

        Das Buch ist aber nicht ohne. Und sicher Ansichtssache – ich glaube da kommt es schon nicht mehr auf Geschmack an. Janne Teller selbst sagt, das sie besser mit Kindern als mit Erwachsenen über dieses Buch resen konnte…
        Mich hat sie auch etwas niedergeschlagen zurück gelassen. Ich habe mich nämlich Pierre Anton angeschlossen…

    lass doch ein paar Worte hier :-)

    Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

    WordPress.com-Logo

    Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

    Twitter-Bild

    Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

    Facebook-Foto

    Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

    Google+ Foto

    Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

    Verbinde mit %s